Künstlerische Unternehmungen

Projekt 231 Stelen - Zeichen am Weg

 

Ein Kunstprojekt im öffentlichen Landschaftsraum von Norbert F. Conzen
Eine Skulpturenkette im offenen Landschaftsraum Europas. In Wäldern und Parks, in Innenstädten und an Ortsrändern, an einer Bahnstrecke und an einem Pilgerversammlungsplatz. Von Norden nach Süden windet sich der Weg mit diesen skulpturalen Zeichen quer durch Kontinentaleuropa.
Ab 1995 hat der Künstler Norbert F. Conzen 231 Stelen zwischen Usedom an der Ostsee und den Alpen aufgestellt oder vorhandene Stelen markiert. Auch auf Mallorca und in der Toscana sind stelenförmigen „Zeichen am Weg“ zu finden.

 

231-Stelen-Projekt - Stele 13 in Langenfeld im Rheinland

Die 231 Stelen gliedern sich in drei Gruppen:

1. Conzen hat 77 kantige hölzerne Stelen skulptural und malerisch bearbeitet: Die Einkerbungen und Ausfräsungen am viereckigen Balken bedeuten eine Übertragung der zeichnerischen Schraffur ins Dreidimensionale – eine ornamentale Schnitztechnik, die an die Skulpturensprache in der Hoch- und Volkskunst verschiedener Kulturräume erinnert. Einige Stämme verjüngen sich an bestimmten Stellen oder verlaufen in Biegungen. Im oberen Drittel sind quasi als „Kopf“ rechteckige Cassetten zu sehen. Ihre Ausmalung in blau-weiß-grün symbolisiert Erde-Leben-Himmel. An ihren jeweiligen Aufstellungsorten ragen alle Stelen 210 cm aus dem Boden. Dass sich das Aussehen der Stelen im Laufe der Zeit durch Witterungseinflüsse verändert, ist bei diesem Projekt bewusst eingeplant.

2. Weitere 77 Beiträge bestehen aus „gefundenen Stelen“ – es sind stelenartige Objekte in Form von Wegweisern, Grenzsteinen, Schilderpfosten oder Ausstellungsstücken in Museen. Alle Standorte mit den teils skurrilen Objekten wurden genausten dokumentiert und als Kunstobjekt durch die vom Künstler aufgemalte Markierung deklariert.

 

231-Stelen-Projekt - 9 Stelen in Deutschland

Norbert Conzen, 231-Stelen-Projekt, 2006, Fotoausschnitte mit Holzszelen

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3. Außerdem hat Conzen 77 im Landschaftsraum bereits vorhandene Bäume als Stelen eingesetzt (44 Buchen, 21 Eichen und 12 Tannen). Sie sind plastisch unbearbeitet geblieben und haben lediglich eine Markierung erfahren, indem der Künstler aus der Rinde ein kleines Rechteck herausgeschnitzt und dessen glatte Fläche anschließend in der oben beschriebenen Weise ebenfalls in blau-weiß-grün ausgemalt hat.

Diese markierten Bäume der dritten Gruppe kennzeichnen einen separaten „Nebenweg“ zwischen zwei Stelen in der Skulpturenkette, etwa von Brühl (Rheinland) zur deutsch-belgischen Grenze. Andere „Nebenwege“ führen entlang der Westwall-Bunker in der Schneifel („Siegfriedlinie“) oder an 12 markierten Steinen entlang durchs Walsertal. Die 44 Buchen markieren den „Buche(t)n“-Weg in der Eifel; er verläuft in Höhe des 50. Breitengrades und 6 Grad östlicher Länge.

So markieren diese Wegzeichen die verfallenen und bald verschwundenen historischen Relikte der Vergangenheit und die sich botanisch ständig ändernde Gegenwart einer Landschaft. Orte, an denen heute zarte Sprößlinge wachsen, sind in wenigen Jahren zugewuchert, andere Waldstücke werden abgeholzt...
Wer diese Landschaften durchwandert, der trifft auf die markierten Bäume (Gruppe 3) in annähernd gleichen Abständen von 3 - 3,5 km. Bei den Stelen (Gruppe 1) beträgt der Abstand jeweils mindestens einen halben Tagesmarsch.

Die Standorte der Stelen hat Norbert F. Conzen völlig subjektiv ausgewählt, und zwar nach der Besonderheit eines Ortes: Ausgangspunkt dieser Skulpturenkette ist der Geburtsort des Künstlers. Andere Stelen stehen an einer berühmten Autorennstrecke (Nürburgring), an der Verbindung einer alten Handelsstraße mit einer modernen Autobahn (Remscheid), oder an einem Denkmal, inmitten einer historischen Altstadt, an einem Museum... Durch diese pointierte Standortwahl bietet die Skulpturenkette ein Spiegelbild von Geschichte und Gegenwart, von altem Handwerk und Industrie, von Natur/Landschaft und Gesellschaft.

Jeder der 321 Orte ist mit seinem Längen- und Breitengrad kartografisch exakt erfasst. Innerhalb dieser Kartografie verdichten sich der „Hauptweg“ mit den Stelen und die „Nebenwege“ zu einem eigenen realen Wegesystem.

In den meisten Fällen hat Conzen mit den Behörden vor Ort kooperiert und ihnen überlassen, wie sie mit den Stelen umgehen wollten. Da diese Arbeiten nämlich nicht als Kunstwerke im klassischen Sinne gedacht sind, hat der Künstler überhaupt nichts dagegen, dass Wandervereine oder Kommunalbehörden an einigen Stelenpfosten nachträglich Wegweisertafeln angebracht haben – im Gegenteil: Gerade an diesen Beispielen zeigt nämlich sich eine funktionierende Integration der Stelen in die Alltagskultur.

Im Frühsommer 2003 waren noch 67 Stelen unversehrt vorhanden; lediglich 10 sind entfernt oder zerstört worden. Dies geschah zumeist in belebten Gebieten; an den abgelegenen Orten hingegen sind noch alle Stelen unverändert geblieben.

Norbert F. Conzen hat alle Orte mit den Stelen fotografisch dokumentiert und außerdem vor Ort die Landschaft in Aquarellen festgehalten. Diese Pinselzeichnungen sind alle in monochromem Blau angelegt – wie verblassende Erinnerungen, in denen nur noch das Bild einer besonders markanten Form im Gedächtnis verblieben ist, aber nicht mehr das einzelne, nuancenreiche Detail.

An diese fotografische und zeichnerische Projektdokumentation schließt sich eine Serie mit blauen Stelen an, die mit fiktiven Biografien von Kartografen und deren Bildnissen kombiniert werden. Exakte geografische Berechnung, die Nüchternheit der Naturwissenschaftler, die künstlerische Kombinatorik und die poetische Fantasie durchdringen sich gegenseitig. Wir sind es gewohnt, das Sichtbare als wahrhaftig anzunehmen; doch Realität und Fiktion sind letztlich nicht mehr voneinander zu unterscheiden.
Jürgen Raap